Über die Erfahrungen von blinden Musikern und Musikbegeisterten im Umgang mit der Digital Audio Workstation Samplitude

Die meisten Programme für die Musikproduktion, genannt Digital Audio Workstation oder schlicht DAW, haben leider Gottes eines gemeinsam: für Blinde und seheingeschränkte Personen sind sie zumeist schwer bis überhaupt nicht vollständig alleine zu bedienen. Natürlich gab und gibt es auch Ausnahmen wie zum Beispiel das von der Firma Cakewalk Inc. entwickelte Sonar, das bis zur Version 8 mit Hilfe so genannter Caketalking Scripts für JAWS Blinden eine Möglichkeit geboten hatte, mit dem Programm zu interagieren. Auf diese Software wollen wir aber hier nicht genauer eingehen, sondern auf die DAW Samplitude von der Firma Magix - die auch in professionellen Tonstudios, sowie von namhaften Institutionen wie etwa der Technischen Universität Graz oder des Bayrischen Rundfunks eingesetzt wird - und deren Nutzbarkeit für Blinde.

 

Wie kam es dazu, dass gerade diese Software für uns so interessant geworden ist?

 

2011 schrieb ein blinder Musiker (Name der Redaktion bekannt) einen offenen Brief an alle Softwarehersteller von Audioprogrammen mit der Bitte, ihre Programme barrierefreier zu gestalten, so dass auch Blinden die Möglichkeit geboten würde, ihre Software zu benutzen; Diesen offenen Brief ließ er auch auf der Homepage von delamar veröffentlichen, einem Internet-Fachmagazin für Musiker und Musikbegeisterte. Hier der Link zum offenen Brief:

http://www.delamar.de/allgemein/offener-brief-an-die-hersteller-von-musiksoftware-im-namen-blinder-musiker-10971/

 

Die Reaktionen darauf waren ernüchternd: Einige Softwarehersteller zeigten sich interessiert, andere ablehnend ob der Thematik und wiederum andere lieferten Teillösungen: so spendierte die Firma Avid ihrer DAW Pro Tools einen barrierefreien Zugang, allerdings mit dem Haken, dass es sich hierbei um die Apple-Version ihres Programms unter Einbeziehung von VoiceOver handelt.

 

Auf dem Windows-Sektor zeigte sich die Firma Magix schließlich bereit für einen Lösungsvorschlag. In Zusammenarbeit mit der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehschwache entwickelte man für die hauseigene Profi-Software Samplitude Pro X ein sogenanntes Visually Impaired Setup, das -wenn man es lädt - Samplitude für die Bedienung von blinden und seheingeschränkten Nutzern anpasst. Programminhalte werden zwar mit Hilfe dieses Setups auf der Braillezeile schon einmal sichtbar, mit dem Setup alleine ist es allerdings noch nicht getan. Um samplitude zusätzlich noch für unsere Bedürfnisse zu optimieren, bedarf es nämlich wie schon früher bei Sonar spezieller Screenreader-Scriptsätze. Ein anderer blinder Musiker aus Deutschland hatte daher schon begonnen, eigene Scriptoptimierungen für JAWS zu schreiben; diese wurden und werden bis heute von Christopher Kopel, der in Graz lebt und hier ein Toningenieurs-Studium an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz und der TU absolviert, stetig weiterentwickelt. Seit kurzem werden die Scripts auch mit Einbeziehung von Erwin Bauer von der Firma TSB Transdanubia in Puncto Braille Usability aktualisiert und für die aktuellen Programmversionen in Sachen Nutzbarkeit und Interaktion mit den Bedienelementen der Software, sowie für die weitere Nutzung der neuesten JAWS-Versionen optimiert.

 

Wie funktioniert die Anpassung für die Nutzbarkeit für Blinde nun konkret?

Zuerst wird das Visually Impaired Setup über die Optionsverwaltung von Samplitude geladen. Anschließend werden die JAWS-Scripts für das Programm in den JAWS-Ordner "Meine Einstellungen erkunden" kopiert.

 

Schon ist JAWS bereit, mit Samplitude zu interagieren und liest Audiospuren und Bedienelemente des im Programm beheimateten virtuellen Mischpults via Braillezeile und Sprachausgabe aus.

 

 

Eigene Erfahrungen

 

Von Samplitude hatte ich früher schon des Öfteren gehört, allerdings ließen mich bei dieser Software immer zwei Faktoren etwas vorsichtig werden, zum einen der für DAWs typisch hohe Anschaffungspreis, zum anderen die Unsicherheit, ob man als Blinder überhaupt etwas damit anfangen konnte. Also setzte ich mich vor zwei Jahren mit Christopher Kopel in Verbindung und fragte ihn, ob er einen Tipp für mich hätte, woraufhin er mich prompt auf Samplitude Pro X verwies und mir einige Links zuschickte, über die ich mich vorab schon mal etwas schlau machen konnte.

 

Das Programm begann mich zu interessieren, und über meine Kontakte zum Institut für elektronische Musik an der TU und an der KUG bekam ich auch gleich eine Programmversion. Christopher Kopel half mir auch, das Visually Impaired Setup, sowie die für JAWS optimierten Scripts (über den oben beschriebenen Weg) in Betrieb zu nehmen und wies mich in das Programm ein. Seither arbeite ich ständig mit Samplitude.

 

Es ist genau das Programm, nach dem ich so lange gesucht habe. In Kombination mit JAWS lässt es nahezu keine Wünsche offen. Ich kann mit dem Programm problemlos Aufnahmen erstellen, sowie Spuren schneiden, bearbeiten, mit Effekten versehen und das Audiomaterial zu hervorragend klingenden Arrangements abmischen.

 

Nach Inbetriebnahme des Programms auf meinem Computer erfolgte dann auch gleich der Sprung ins kalte Wasser und ich bekam meine ersten Aufträge für ein Chor-Recording für ein Casting bei der "großen Chance der Chöre 2015", sowie erste Mischaufträge für ein Volksmusik-Album und eine Demo-CD.

 

Wie wichtig sind die JAWS-Scripts für das Programm? Mit Hilfe von JAWS ist es möglich, problemlos Spuren zu selektieren, sowie mit den verschiedenen Bedienelementen des virtuellen Mischpults wie Lautstärke-Fadern, Panoramareglern oder dem grafischen und/oder parametrischen Equalizer zu interagieren und Effekte wie Hallräume nach meinen Bedürfnissen und je nach Song und Arrangement zu modellieren.

 

Samplitude ist zu einem Helfer geworden, der mich bei meinen audiotechnischen Projekten hoffentlich noch lange unterstützend begleiten wird.

 

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